Neulich am Gartenzaun – Putzfimmel

Das Rentnerehepaar Heinz und Else erleben den ganz normalen Alltagswahnsinn mit ihren Nachbarn am Gartenzaun. Kurzgeschichten aus der Vorstadtsiedlung zum Lesen oder Überlesen. Episode 3.

Neulich am GartenzaunElse legte gerade den Staublappen auf den Wohnzimmertisch, als es auch schon an der Tür klingelte. Nachbarin Heidi hatte sich vor zehn Minuten telefonisch angekündigt, sie wollte sich ein paar Gartenbücher ausleihen. „Kein Problem“, hatte Else gesagt, „wir haben ja einige. Komm einfach rüber und schau, welche du gebrauchen kannst.“ Nun öffnete Else also die Haustür und bat Heidi herein. Coronakonform mit Abstand gingen sie, dem Kehrblech ausweichend, ins Wohnzimmer. Else räumte noch schnell den Staubsauger ein Stück beiseite und machte Heidi so den Weg frei zum Bücherregal. „Oh, ich störe dich mal wieder beim Putzen“, sagte Heidi entschuldigend. „Irgendwie passiert mir das aber auch andauernd.“ Else winkte ab und lachte. „Ach was, man hat jetzt ja nun wirklich reichlich Zeit, der Staub läuft mir nicht weg.“ Sie besprachen die Buchauswahl und Heidi suchte sich einige passende heraus. Nach zehn Minuten war sie wieder weg. Heinz kam die Treppe herunter. „Können wir?“ fragte er und nahm schon das Kehrblech zur Hand, das im Flur gelegen hatte. Else nickte. Sie nahm sich den Staubsauger, Heinz noch das Staubtuch, und gemeinsam trugen sie alles in den Keller. Dann kamen sie zurück und setzten sich, jeder mit einer Zeitschrift bewaffnet, gemütlich aufs Sofa. „Wann wollen wir eigentlich wirklich putzen?“, fragte Heinz noch. „Morgen oder übermorgen reicht“, sagte Else bestimmt. Es war auch wirklich nicht schmutzig. Aber Heidi, so nett sie sonst war, hatte einen furchtbaren Putzfimmel und schaffte es, Else allein durch Blicke immer das Gefühl zu geben, ihre Wohnung sei ein Saustall. Also legte Else seit einiger Zeit stets ein paar Putzutensilien offen in den Weg, wenn Heidi sich kurzfristig ankündigte. Seitdem hatte Heidi die Blicke tatsächlich eingestellt. Und Elses Gewissen hatte seine Ruhe.

Neulich am Gartenzaun – Abnehmen

Neulich am GartenzaunDas Rentnerehepaar Heinz und Else erleben den ganz normalen Alltagswahnsinn mit ihren Nachbarn am Gartenzaun. Kurzgeschichten aus der Vorstadtsiedlung zum Lesen oder Überlesen. Episode 2.

Als Else zum dritten Mal mit der vollen Gießkanne um den Wohnzimmertisch gelaufen war, senkte Heinz sein Kreuzworträtsel. „Was machst du denn da?“, fragte er von der Couch herüber. „Spazieren gehen“, antwortete Else, die nun ihren Weg an der Fensterbank vorübergehend beendete und anfing, die Blumen zu gießen. Heinz runzelte die Stirn. „Spazieren gehen. Macht man das nicht üblicherweise draußen? Und ohne Gießkanne?“, wagte er zu erwidern. Else pflückte ein paar trockene Blätter aus dem Philodendron und dreht sich dann um. „Schau doch mal raus, bei dem Wetter geh ich doch nicht draußen spazieren“, konterte sie. In der Tat, der Schneeregen matschte auf den Rasen und der Wind war ziemlich heftig. „Und darum spazierst du um den Wohnzimmertisch?“, war Heinz nun wieder zu hören. „Seit wenn denn das?“ „Seit diesem Jahr“, erklärte Else nachdrücklich. „Ich muss abnehmen und versuche, mich insgesamt mehr zu bewegen.“ Abnehmen. Bei Heinz schrillten die Alarmglocken. Er hätte vermutlich selbst darauf kommen können, schließlich war Januar. Die Zeit der guten Vorsätze. Und bei Else die klassische Zeit, sich über die zusätzlichen Pfunde von Weihnachten zu ärgern und ihr jährliches Januar-Ritual zu beginnen. Zu seiner Entschuldigung musste gesagt werden, dass dieses Ritual durchaus in den verschiedensten Ausprägungen auftauchte. Mal mit einer Diät, mal mit sportlichen Betätigungsversuchen. Über die Jahre seiner Ehe hatte er schon einige Varianten erlebt. Und er hatte eigentlich keine gemocht. Denn obwohl sie in der Regel sogar einigermaßen funktionierten und Else meist spätestens zu Beginn der Gartensaison im März damit aufhörte, waren die meisten unter dem Strich vor allem anstrengend gewesen. Für ihn anstrengend. Entweder hatte er die neuen Kochmethoden mit ausbaden müssen, oder der Süßigkeitenschrank blieb leer. In jedem Fall musste er stets die eher schlechte Laune seiner Frau aushalten. Er ging dann öfter im Büro in Deckung. Wofür er den nächsten Rüffel kassierte.

Nun also spazieren gehen um den Wohnzimmertisch. „Ich versuche, aus jeder Alltagstätigkeit mehr Bewegung herauszuholen. Dadurch werde ich quasi nebenbei fitter“, erklärte nun Else die diesjährige Methode. Heinz atmete auf. Das hieß immerhin, der Speiseplan dürfte sich nicht allzu gravierend ändern. Und Else würde wohl kaum erwarten, dass er mit ihr zusammen um den Wohnzimmertisch marschierte. „Du könntest das ruhig auch versuchen“, setzte da Else mit einem verschmitzten Grinsen nach, als sie mit der nun leeren Gießkanne ihren Rückweg dreimal um den Tisch antrat. „Ja, mache ich“, sagte Heinz und nahm sein Kreuzworträtsel wieder in die Hand. „Ich schreib ab sofort jeden Buchstaben dreimal.“ Elses vernichtenden Blick, bevor sie in der Küche verschwand, ignorierte er geflissentlich. Durchhalten, sagte er zu sich selbst. In acht Wochen verschwindet das Problem von alleine. Wie jedes Jahr.

Neulich am Gartenzaun – Frohes neues Jahr

Neulich am GartenzaunDas Rentnerehepaar Heinz und Else erleben den ganz normalen Alltagswahnsinn mit ihren Nachbarn am Gartenzaun. Kurzgeschichten aus der Vorstadtsiedlung zum Lesen oder Überlesen. Episode 1.

„Frohes neues Jahr!“, hörte Heinz es über den Gartenzaun hallen. Er hob den Blick vom Blumenbeet, in dem er gerade Weiterlesen