Neulich am Gartenzaun – Couchtag

Das Rentnerehepaar Heinz und Else erlebt den ganz normalen Alltagswahnsinn mit ihren Nachbarn am Gartenzaun. Kurzgeschichten aus der Vorstadtsiedlung zum Lesen oder Überlesen. Episode 11.

Neulich am GartenzaunElse hatte heute ihren „Couchtag“. Das war der Tag, an dem Heinz vormittags in der Regel irgendwelche Besorgungen machte und Else die Ruhe in der Wohnung beim Nichtstun genoss. Nachdem der Frühstückstisch abgeräumt war, hatte Heinz sich diesmal auf den Weg zu Tochter und Schwiegersohn gemacht, die um Hilfe beim Aufbau neuer Kinderzimmermöbel gebeten hatten. Else kochte sich also noch einen Tee, schnappte sich ihre Zeitschriften, ihr Buch, eine Decke, und machte es sich dann auf dem Sofa bequem. Mit dem Ziel, die nächste Stunde hier nicht aufzustehen. Herrlich! Das Wetter draußen war äußerst ungemütlich mit viel Wind und Regen, da machte das Nichtstun drinnen um so mehr Vergnügen. Ach, Moment, oben im Schlafzimmer stand ja noch das Fenster zum Lüften offen. Das sollte sie doch erst mal schließen. Also nochmal aus der Decke gewickelt, in den ersten Stock gestiegen, Fenster geschlossen, zurück im Wohnzimmer wieder in die Decke hinein, hinsetzen, Gartenzeitschrift aufgeschlagen. Ein Artikel über die Schafgarbe, die Staude des Jahres 2021, zog Elses Blicke auf sich und sie begann zu lesen. Allerdings kam sie nicht weit. Es klingelte an der Tür. Else legte die Zeitschrift zur Seite, wickelte sich erneut aus der Decke, ging zur Haustür und öffnete. Es war der Postbote mit einem Päckchen für Heinz, das natürlich nicht in den Briefkasten passte. Else nahm es freundlich entgegen, legte es auf den Küchentisch. Ging zurück ins Wohnzimmer, wickelte sich in die Decke, trank einen Schluck Tee und widmete sich wieder der Zeitschrift. Den Artikel über die Schafgarbe immerhin schaffte sie diesmal komplett. Dann allerdings klingelte das Telefon. Natürlich lag es auf dem Küchentisch. Else legte also die Zeitschrift zur Seite, ebenso die Decke, ging erneut in die Küche und nahm den Hörer zur Hand. Es war Heinz. Es würde auf jeden Fall über den Mittag hinaus dauern, Else brauche also nicht für ihn mit zu kochen. Sehr schön, freute die sich nach dem Auflegen, mehr Zeit auf dem Sofa. Diesmal nahm sie das Telefon auch mit hinüber ins Wohnzimmer und legte es in Griffweite, für den Fall der Fälle. Sie wickelte sich wieder in die Decke, nahm Platz, schlug die Zeitschrift  auf. Einen halben Artikel über Schnitttechniken an Beerensträuchern später klingelte es schon wieder. „Ja, was ist denn heute los?“, schimpfte Else und überlegte kurz, einfach nicht aufzumachen. Aber der Störenfried vor der Tür schien das zu riechen und begann ein rhythmisches Dauerklingeln. Also wieder aufstehen, Decke weglegen, zur Haustür. Es waren die Nachbarskinder Emilie und Hanna von gegenüber. Ob Else ihnen ein Ei borgen könne, sie wollten einen Kuchen backen. Elses Unmut schmolz dahin. Natürlich borgte sie ihnen ein Ei. Und ging dann zur Couch zurück. Schaute auf die leere Teetasse, die Decke, die halb gelesene Zeitschrift – und konstatierte seufzend, dass heute wohl offenbar kein guter Tag für die Couch war. Außerdem gefiel ihr die Idee mit dem Backen. Statt sich also wieder hinzusetzen, holte sie ihr Rezeptbuch hervor und begann, Nussecken zu machen. Als Heinz am Nachmittag zurückkam, hatte Else die Nussecken fertig, die Küche wieder aufgeräumt, den Müll rausgebracht, sich ein Mittagessen gekocht, die Küche nochmal aufgeräumt und schließlich noch lästigen Papierkram erledigt. Übrigens absolut ganz ohne irgendwelche auch nur kleinste Störungen, weder an der Haustür noch durch das Telefon oder anderweitig. Na, herrlich!

 

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