Neulich am Gartenzaun – Superheld

Das Rentnerehepaar Heinz und Else erlebt den ganz normalen Alltagswahnsinn mit ihren Nachbarn am Gartenzaun. Kurzgeschichten aus der Vorstadtsiedlung zum Lesen oder Überlesen. Episode 10.

Neulich am GartenzaunElse hatte keine Chance. Als sie die Haustür nach dem Klingeln öffnete, wurde ihr die Klinke im Bruchteil einer Sekunde aus der Hand gerissen. Von den beiden Hereinstürmenden wurde sie zur Seite gedrückt und musste sich an der Wand abstützen, um nicht umzufallen. Die zwei Maskierten stürmten weiter durchs Wohnzimmer und bis in den Garten, wo als nächstes Heinz Opfer der Bande wurde. Der hockte gerade über einem Maulwurfhügel, sah noch die Augen unter den Sehschlitzen der Masken und wurde dann glatt umgeworfen. Niedergedrückt lag er da, auf sich eine Person in einem schwarzen Cape und eine in rot-blauem Anzug. Heinz ging umgehend zur Gegenwehr über und fing an, die beiden Angreifer kräftig zu kitzeln. „Nein, Opa, stopp, das gilt nicht!“, protestierte da der Maskierte im schwarzen Batman-Kostüm empört und drehte sich aus Opas Griff. „Man kitzelt keine Superhelden!“ Auch der fünfjährige Spiderman brach daraufhin seinen Angriff ab und stellte sich entrüstet neben seinen großen Bruder. „Superhelden greifen aber auch keine lieben Opas an“, konterte Heinz mit einem Schmunzeln und rappelte sich vom Rasen hoch. Durch die Wohnzimmertür sah er, dass Else es sich mit ihrer Schwiegertochter schon am gedeckten Kaffeetisch bequem gemacht hatte. „Du bist kein lieber Opa, du bist ein Bösewicht und willst die Welt erobern“, krähte Spiderman Jonas vergnügt und stellte sich mit erhobenen Fäusten wieder in Kampfstellung. „Und wir werden dich besiegen.“ „Nein“, sagte Opa ebenso gut gelaunt und zeigte Richtung Haus, „ich möchte jetzt viel lieber erst einmal ein Stück Kuchen von Oma Else erobern. Ihr nicht?“ Wie ein geölter Blitz fuhr Jonas herum und stürmte mit einem „Jaaaaaa!“ gen Terrasse. Emil allerdings blieb mit hängendem Kopf auf dem Rasen stehen. Heinz, der auch schon zwei Schritte gemacht hatte, drehte sich wieder zu ihm zurück und legte fragend den Kopf schief. „Alles ok, Großer?“, fragte er. Doch Emil schüttelte den Kopf. „Paul sagt, ich kann kein Superheld werden“, erklärte der Grundschüler traurig. Paul war ein Mitschüler von Emil. Und Emil, der wollte unbedingt mal Batman werden, wenn er groß war. Heinz überlegte. Wie sagte man einem Kind die Wahrheit, ohne seine Träume zu zerstören? Dann hellte sich seine Miene auf. „Weißt du,“, begann er, und schob Emil rüber zur Gartenbank, um sich hinzusetzen und so auf Augenhöhe zu sein. „Batman, den gibt es nur einmal, so wie es auch dich nur einmal gibt. Batman kannst du nicht werden.“ Emil schaute noch trauriger. „Aber“, fuhr Heinz schnell fort und lächelte seinen Enkel an. „Aber du kannst trotzdem ein Superheld sein.“ Emil schaute ihn hoffnungsvoll an. „Ein Superheld, das ist doch jemand, der anderen hilft, richtig?“ Emil nickte. „Wenn du nun zum Beispiel dem Jonas hilfst, Fahrrad fahren zu lernen. Dann bist du für ihn schon ein Superheld, denn er hat von dir etwas sehr Wichtiges gelernt. Deine Mama und dein Papa sind auch Superhelden. Sie stehen jeden Tag auf und erledigen all die vielen Aufgaben, die man eben so erledigen muss, damit Jonas und du Spielsachen und Essen haben. Und Oma“, schob er bestimmt nach und blickte lächelnd zum Haus hinüber. „Oma ist für mich auch eine Superheldin. Denn ich kann keine so leckeren Kuchen backen, sie aber schon.“ Emil dachte kurz nach, dann hellte sich sein Gesicht sichtlich auf. Heinz stand auf, nahm ihn an die Hand und schlug vor: „Also, wollen wir Superkuchen essen gehen?“ Emil nickte begeistert. Und Heinz – der sah durch die Scheibe zu seiner Frau hinüber und meinte das mit der Superheldin ganz, ganz ehrlich.

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